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Weihnachtsrituale zwinkernd aufs Korn genommen - Gedichte in neuem Sprachgewand

Eine wohlig warme Vorweihnachts-atmosphäre empfing die Besucher, die an diesem kaltenWinterabend den Weg zum Hayungshof gefunden hatten. Karl Erdmann und sein Team hatten Raum und Bühne stimmungsvoll angerichtet für eine literarisch-musikalische Lesung von hohem Niveau. „Wir wollten euch sagen, es weihnachtet schwer.“ Unter diesem Motto bot das Autorenduo Alwine Menzel und Michael Hüttenberger nachdenklich-heitere und hintersinnige Prosa und Lyrik, musikalisch begleitet vom Trio der Ain’t we Sweet-Jazzband mit Gerd Menzel (Trompete), Ode Stromann (Piano) und Bernd Mingers (Schlagzeug).

Winterlich-weihnachtlich angehaucht waren die Geschichten im ersten Teil der Lesung. Kindheitserinnerungen, wie in Alwines Menzels „Trauwetter“: ein kleines Mädchen traut sich trotz Tauwetter aufs Eis, bricht ein und weiß nun fürs ganze Leben, warum man sich bei Tauwetter besser nicht traut. Oder Kindheitsfantasien und Tagträume, wie sie Michael Hüttenberger einfühlsam eingefangen hat in seiner Geschichte „Bärendienstag“, in der man, so ganz nebenbei, Anteil nehmen kann am Schicksal und der Befreiung der bunten Esenser Bären. Von Zirkusonkels und amerikanischen Verwandtschaften erzählte das Autorenduo, von den Bemühungen, mühelos zu Meditieren oder erfolgreich dem Älterwerden zu trotzen, und zog damit sein Publikum in den Bann.
Im zweiten Teil wurde es dann vollends weihnachtlich. Und natürlich konnte es dabei nicht nur besinnlich zugehen. Weihnachtsrituale wurden aufs Korn genommen: die Nachbarin, die vor Heiligabend eimerweise Wasser gegen die Scheiben kippt und wie wild hinterher putzt, oder die fulminant illuminierten Häuser, die bisweilen den Wunsch nach Stromausfall aufkommen lassen. Das Publikum durfte mit augenzwinkernder Ironie erfahren, wie es kam, dass Weihnachten „Weihnachten“ heißt und warum sich Schiller in seinen Dramen hemmungslos bei früheren Versionen der biblischen Weihnachtsgeschichte bedient hat. Natürlich durfte auch das Klassikerraten nicht fehlen: so manches Gedicht, das im weihnachtlichen Sprach-Gewand verfremdet daher kam, wurde von den Zuhörern entkleidet und mit einem Buchpreis belohnt.
Als Zugabe boten die beiden Autoren höchst unterschiedliches: Michael Hüttenberger seine gereimte Kurzfassung der Weihnachtsgeschichte, die selbst bereits als Klassiker gelten darf, Alwine Menzel ihre Liebeserklärung einer Enkelin an ihren Opa, die in ihrer tiefen Menschlichkeit Rührung aufkommen ließ, ein gut zur Adventszeit und zum Abschluss des Abends passendes Gefühl.
Vor, zwischen und nach den Texten bot das Ain’t we Sweat-Trio Jazzmusik vom Feinsten, leisen Swing und sanften Blues mit filigranen und transparenten Pianoklängen, präzise zurückhaltendem Schlagzeugsound und lyrisch anmutenden, warmen Trompetentönen. So passte es zur Stimmung des gesamten Abends, dass beim gewünschten Schlussstück „Summertime“ ein bunter Schmetterling durch den Raum flatterte, bevor sich das Publikum nach langem Beifall in die kalte Winternacht auf den Weg nach Hause begab.

Anzeiger für Harlingerland, 11.12.2012, Foto: Klaus Händel