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*1963 in Detmold, wuchs in Ostfriesland und Kassel auf und machte dort 1982 sein Abitur. Anschließend folgte das Studium der Evangelischen Theologie fürs Pfarramt. Nach dem Studium arbeitete er  als Pflegediensthelfer. Das pfarramtliche Vikariat wurde in Schüttorf absolviert, anschließend hat er bis 2010 den Religionsunterricht in Ostdeutschland mit aufgebaut. Gleichzeitig mit der Schultätigkeit kam die Beauftragung zum Pfarrer im Ehrenamt in Mecklenburg. Es folgte der Wechsel in den Bereich Mediation, ab 2011 mit einer Tätigkeit auch als Dozent und Ausbilder.

2012 erschien dazu das Übungsbuch 'Märchenhafte Mediationen Band 1'. Berufsbegleitend schrieb er einen 'Schüler-Katechismus' für seine ostdeutschen Religionsschüler. Für ein Museum in Ostfriesland wurde von ihm 2016 ein völlig neuer Museumsführer erarbeitet, erklärende Texte zum Verständnis unserer Kultur verfasst, Rezensionen zu Theaterstücken geschrieben und zuletzt satirische Betrachtungen über beruflichen Fortbildungsunsinn der Jobcenter. Er arbeitet im Arbeitskreis ostfriesischer Autoren mit und bringt diverse Kurzgeschichten, mal lustig, mal nachdenklich oder auch politisch und böse zu Papier. Beruflich arbeitet er als selbständiger Trauerredner. Sein Gefühl für Sprache findet Anerkennung.

Texte

Tag der Deutschen Einheit 2018
Eine kulinarische Deutschlandreise durch meine Speisekammer 

Räkeln,
aufstehen, ab ins Bad.
Heute fällt mir auf: ich wasche mich mit Flüssigseife aus dem rheinischen Stolberg bei Aachen,
und putze die Zähne mit Zahnpasta aus dem bayrischen München.

Eine Pfütze unterm Waschbecken erinnert mich an die Mecklenburgische Seenplatte, habe die
Schweinerei weggewischt mit einem Putzlappen aus dem west-baden-würtembergischen Offenburg im Ortenaukreis.

Dann rauf auf die Personenwaage von Junkalor aus der DDR. Ist wohl ausgeleiert, zeigt viel zu viel an.

Anziehen, lüften, Frühstück machen.
Kaffee zubereiten mit meiner Privileg-Maschine, hergestellt in der DDR,
mit Kaffeepads aus Bremen.
Die Eier stammten von einer Hühnerwiese aus Prinzhöfte bei Bremen, das Salz auf dem Ei ist Meersalz aus Westerland auf Sylt.

Dann gab es Brandenburger Toast, weil schön schwarz geworden, naja, dann vielleicht doch lieber Lemgoer Strohsemmel, mit Butter aus Zeven aus Niedersachsen darauf, Marmelade aus Eystrup bei Bremen oder selbstgemachte Marmelade aus Weener im Rheiderland und Schokoceme aus Ostberlin.

Vormittags stopfte ich mir ein Pfeifchen mit dem Tabak ‚Borkum Riff‘. Die Toilette ruft, mit Klopapier aus Neckarsulm und feuchtem Toilettenpapier aus Gronau. Danach Hände waschen mit Wasser aus der Heimat und Seife aus Stolberg.
Danach schnappte ich mir einen schönen Apfel aus dem Alten Land. 

Mittags gab es ein Festmahl:
Spargelcremesuppe aus dem schwäbischen Radolfzell mit Spargelspitzen aus Beelitz bei Berlin, die abgepackt wurden in Leer in Ostfriesland.

Danach wurde Thüringer Bratwurst aus Erfurt aufgetischt, gebraten in Rapsöl aus dem sächsischen Riesa, dazu Bautz‘ner Knast-Senf aus dem sächsischen Bautzen und den leckeren Werder-Ketchup aus dem brandenburgischen Werder bei Potsdam. 

Außerdem gab es Kassler aus Nordhessen von Schweinen aus Cloppenburg und Hähnchenschenkel aus Lathen im Emsland, Heide-Kartoffeln aus der Lüneburger Heide, ‚Sieglinde‘-Kartoffeln aus Bunderhee und Blumenkohl aus der Magdeburger Börde, aber auch Rotkohl aus Hamburg und Sauerkraut aus dem rheinischen Merzenich.

Die Gewürze zum Abschmecken kamen aus Dissen am Teutoburger Wald. Das Kochwasser wurde gesalzen mit feinem Jodsalz aus dem baden-würtembergischen Heilbronn. 

Die Soße wurde abgeschmeckt mit Hühnerbrühe aus Frankfurt am Main, angedickt mit Mehl-schwitze aus Hamburg und angereichert mit Champignons aus dem südhessischen Neuenkirchen. 

Zum Nachtisch gab es einen Pudding aus dem sächsischen Leppersdorf. 

Zum Nachmittag gab es Tee aus Emden, mit H-Sahne aus Düsseldorf, Kluntjes aus Köln oder Süßstoff aus dem nord-niedersächsischen Seevetal und Haferkeksen aus dem münsterländischen Gronau neben einem Berliner aus der hiesigen Bäckerei.  

Das Abendbrot rundete den kulinarischen Tag ab, mit einem Ostfriesischen Schwarzbrot, Rheiderländer Krintstuut (Korinthenstuten) und einem Paderborner Graubrot.

Dazu kam die gute Butter aus Neuss zum Einsatz, Pfälzer Leberwurst, Schwarzwälder Schinken, Harzer Handkäse aus dem Harz bei Braunlage, Käseaufschnitt aus Essen, Spreewaldgurken aus dem Spreewald bei Senftenberg, Ahle Wurscht aus Kassel, Tutower Senf aus Mecklenburg bei Rostock, scharfem Meerrettich im Glas aus Baiersdorf in Bayern, eine Büchse Kieler Sprotten aus Kiel in Schleswig-Holstein, Räucherlachs aus Bremerhaven und Hering in Tomatensoße aus Saßnitz auf Rügen. 

Zum Fernsehabend holte ich eine Packung Lübecker Marzipan hervor, alkoholische Pralinen aus dem Saarland und Salzgebäck aus dem südhessischen Bickenbach.
Dazu tischte ich auf einen Mosel-Riesling, ein schönes Jever-Bier und ein Torgauer Landbier aus Sachsen. Zum Schluss gab es noch einen Ecks Korn aus Weener in Ostfriesland oder eben Saft aus Moers am Niederrhein.

 Als Nuckelflasche gab es Mineralwasser ans Bett aus Weißenfels im Burgenland in Sachsen-Anhalt.

So ein persönlicher Tag der Deutschen Einheit schafft mich.
Ich kann nicht mehr.

 

39. Schaumbad (kurz)  

Wir hatten uns gestritten, meine Partnerin und ich. Ausgerechnet an Weihnachten. Und das nicht zu knapp. Die Kinder waren in diesem Jahr, beim Vater in Berlin und bekamen davon nichts mit. Ich mochte es, wenn meine Liebste so richtig in Fahrt geriet, dann sah sie zwar beängstigend aus, aber irgendwie auch richtig schön. Ihre Augen blitzten und funkelten. Ihre Hände waren wir Krallen und total angespannt. Alles war so voller Energie, sie stand völlig unter Strom. Manchmal hatte ich schon gedacht, selbst ihre kleinen Brüste hätten in solchen Momenten geschärfte Konturen, wie überhaupt ihre Figur besonders vorteilhaft in Erscheinung trat. Die Spannung war zum Greifen, es knisterte regelrecht zwischen uns, und nein, das war jetzt kein Bonbon-Papierchen. Heute war sie nicht zu überzeugen.

Sie atmete schwer, ihr Kopf war gerötet, sie war so richtig in Rage und sie war wunder-schön. Sie hasste es, wenn ich plötzlich im schlimmsten Streit so einen verklärten Gesichtsausdruck bekam (wie sie mir einmal erklärt hatte) und sie anschmachtete. Ich wollte das gar nicht, aber sie war so schön. Und wenn sie bemerkte, das ich anfing diesen Streit zu genießen, nicht wegen des Streits, sondern weil ich sie plötzlich anhimmelte, dann drehte sie noch mal so richtig auf. Dann wurde sie laut und unfair. Fies wurde sie, gemein und verletzend.

Ja, ich gebe es zu, viel lieber hätte ich sie angeschmachtet. Jedoch schoss dann das akute Verletzungsrisiko ums Unermessliche in die Höhe. Argumentativ war sie ein echtes Miststück. Ich hasste es, wenn sie Recht hatte. Und sie war immer so überlegt. Das wäre eigentlich meine Rolle gewesen, aber irgendwie waren unsere häuslichen Rollen vertauscht.

Wie das so ist, so legte sich selbst der schlimmste Streit, wenn alle Argumente ausgereizt waren und man es geschafft hatte, ohne körperliche Blessuren die Auseinandersetzung überstanden zu haben. Nach so einem Streit und dem obligatorischen After-Streit-Kater konnte man irgendwie wieder gemeinsam von vorne anfangen, Wunden lecken und die Beziehungsscherben zusammenfegen. Ist dann ja auch schon mal was.

Also nutzte ich die Gelegenheit, als sie sich an diesem Weihnachtstag kurz nach dem Streit noch mal ein wenig frische Luft um die Nase wehen wollte und für mindestens eine halbe Stunde spazieren ging, und suchte lauter Kerzen hervor, die ich entzündete. Dann ließ ich schon mal das heiße Wasser ein und sorgte für ordentlich Schaum. Sie liebte viel Schaum. Es sollte ja auch schön sein für sie. Eine kleine Liebesgeste, sozusagen.

Im Hausflur verstreute ich außerdem lauter getrocknete Duft-Rosenblätter und ein Spalier aus brennenden Teelichtern leitete meine Liebste in Richtung Wohnzimmer. Ich musste mich beeilen.

Als sie nach einer guten halben Stunden wieder nach Hause kam, war auch sie wieder viel friedlicher gestimmt. Angenehm überrascht folgte sie meinen Spuren und kam erwartungsvoll ins Wohnzimmer. Ich nahm sie zärtlich in den Arm und drückte sie an mich. Sie schloss die Augen und seufzte. Es tat gut, wenn man sich nicht mehr verfeindet gegenüberstand.

Schließlich nahm ich sie an der Hand, öffnete ihre Kleidung und streifte sie ihr komplett ab, was sie bereitwillig geschehen ließ. Die Luft knisterte. Ich ergriff den bereitgelegten Bademantel, half ihr hinein und sagte ihr, dass ich das heiße Wasser mit viel Schaum darauf für sie schon mal eingelassen hätte.

Sie gurrte.

Ich hielt ihr die Augen zu und führte sie langsam durch die frisch gesaugte und wohlriechende Wohnung. Sie war richtig gespannt. Am Ziel angekommen nahm ich meine Hände weg, sie öffnete die Augen und sah im dunklen Raum zunächst nur die vielen brennenden Kerzen. Doch dann erkannte sie die Szene, bekam ganz große Augen und schnappte sogar nach Luft, während ich im Vorbeigehen nach einem Handtuch griff und ihr den Bademantel wieder abstreifte.

So festlich hatte sie die Küchenspüle noch nie gesehen. Aber sie war dran mit dem Abwasch.