TOP 

Alwine Menzel
geboren am 21.09.1943 in Leer - verstorben am 20.07.2016 in Oldenburg


Alwine Menzel
Liebeslied

Als ich Kind war, fand ich meinen Opa so toll,
der kannte Geschichten, die warn wundervoll.
Mal spannend, mal witzig und manchmal verrückt,
und wir saßen auf ’m Sofa und ham Popcorn verdrückt.

Er hat für mich Drachen und Stelzen gebaut
und abends mit mir in den Himmel geschaut.

»Mach’s gut, komm bald wieder – und gib auf dich Acht«,
sagte er dann zum Abschied und ich rief: »Wird gemacht!«
Dann wurde ich älter, sah den Jungs hinterher.
Ich fand mich potthässlich und das Leben echt schwer!
Ich hatte zig Fragen nach Gott und der Welt,
und die hab ich dann alle dem Opa gestellt.

Er fand für mich immer das richtige Wort,
und mit Popcorn in der Tasche rannte ich wieder fort.

»Mach’s gut, komm bald wieder – und gib auf dich Acht«,
sagte er dann zum Abschied und ich rief: »Wird gemacht!«

Und irgendwann war’s mit der Kindheit dann aus.
Ich zog sehr weit fort, kam nur selten nach Haus.
Zu Opa zu gehn, fand ich oft keine Zeit,
und über »früher« zu reden war ich nicht bereit.

Die Tüte mit Popcorn, die steckte ich ein.
Ich wollte auf keinen Fall unhöflich sein.

»Mach’s gut, komm bald wieder – und gib auf dich Acht«,
das rief er wie immer. Ich hab albern gelacht.

Und die Jahre vergingen, ich war nicht mehr jung.
Ganz plötzlich kam dann die Erinnerung.
Die Kindheit mit Opa ging mir durch den Sinn,
und ich dachte spontan: »Da fährst du bald hin.«

Ich wollte ihm sagen: »Ich fand dich ganz toll,
und deine Geschichten warn wundervoll.«

»Mach’s gut, komm bald wieder – und gib auf dich Acht«,
wie oft hatte er diesen Satz gesagt!

Drei Monate gingen dann doch noch ins Land,
bis ich endlich den Weg zu meinem Opa fand.
Ich wusste, er lebte im Altenheim.
Dort saß er am Fenster, so zerbrechlich und klein.

Ich wollte ihn so vieles fragen,
und dennoch wusst ich nichts zu sagen.

Ich setzte mich zu ihm und nahm seine Hände.
Er sagte: »Ich wollte, es ginge zu Ende,
ich weiß nicht einmal, wer du eigentlich bist ...
Man wird furchtbar einsam, wenn man alles vergisst.«

Ich konnte nicht reden, ließ Minuten verstreichen.
Ich suchte den Schlüssel, um ihn zu erreichen.
Dann wurde mir klar, was ich machen musste
und begann zu erzählen, was von »früher« ich wusste.
Sein Gesicht wurde jung, dann hat er genickt:
»Ja ich weiß! Und wir haben dann Popcorn verdrückt!«

»Mach’s gut, komm bald wieder – und gib auf dich Acht«,
das rief diesmal ich und wir ham beide gelacht.