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Die  Feier des 30-jährigen Bestehens unseres AK am Samstag, den 7. September 2013, war für alle, die dabei sein konnten, ein verbindendes Erlebnis. Der "Anzeiger für Harlingerland"  hat am 09. September darüber berichtet (s.o.). Die Festansprache unserer Vorsitzenden Christa Bruns ist im Folgenden nachzulesen:

„Der Himmel glänzt vor Gunst. Unsere sanften Wege führen überall hin. Die Luft ist süß von Geschichte, von Durchdachtheit klar.“

Martin Walser hat diese Sätze in seinem Gedicht „Heimatlob“ verwendet, ich habe sie mir ausgeliehen für heute Morgen, um Sie und Euch, liebe Mitautorinnen und Autoren und liebe Gäste, damit zu begrüßen. „Der Himmel glänzt vor Gunst“. Ich finde, das ist schon ein Kunststück, dass wir es heute mit dem Wetter so gut getroffen haben, das uns sonst oft einen Strich durch die Rechnung macht.

Dass die Luft heute, zur Feier des dreißigjährigen Bestehens unseres Arbeitskreises Ostfriesischer Autorinnen und Autoren, süß von Geschichte sei und bitte auch von Geschichten, das hoffe ich. Ein Jubiläum ist doch ein Tag, an dem man zurückdenkt, sich erinnert, einmal von Vergangenem redet, die alten Geschichten erzählt.

Geschriebenes mag heute zu hören sein, ist es doch das Schreiben, was uns zusammenführt, was uns verbindet, was uns manchmal streiten lässt, diskutieren, schimpfen, staunen. Über unsere Texte machen wir einander Mut und kommen miteinander ins Gespräch.

Vor dreißig Jahren gab es in Ostfriesland und drum herum eine Reihe von Schreibenden, die zumeist jede und jeder für sich an ihren Texten gearbeitet haben. Sie gaben Gedichtbände, Anthologien, Romane heraus oder wurden in Zeitungsbeilagen und Zeitschriften veröffentlicht. Die meisten von ihnen schrieben in der Sprache, in der sie dachten und sprachen, sie schrieben plattdeutsch. Schon damals gab es Menschen, die zu Recht befürchteten, dass die Sprache, die zur ostfriesischen Landschaft, unseren Traditionen und unseren Wurzeln gehört, in Gefahr ist, vergessen zu werden, im Alltag verloren zu gehen. War doch Plattdeutsch eigentlich keine Schriftsprache, was die Sache schwieriger machte.

Johannes und Johanna Diekhoff waren diejenigen, die die Gründung des Arbeitskreises veranlassten, um gemeinsam mit anderen am Erhalt der plattdeutschen Sprache und am Schaffen von Literatur aus der Region zu arbeiten. Johannes hat diesen Arbeitskreis bis in die Planung des heutigen Tages hinein begleitet. An anderer Stelle wird heute noch seiner gedacht werden.

Es würde zu weit führen, all` diejenigen aufzuzählen, die damals oder seit damals dabei waren.Wir kennen ihre Namen, lesen ihre Texte und geben ihnen Raum im Vorlesetelefon. Ein paar von ihnen, wie Wilhelmine Siefkes, Rieks-Janssen – Noort, Greta Schoon, Christoph Weking oder Gerriet Herlyn und andere, werden bis heute gelesen. Hans-Herman Briese und Carl-Heinz Dirks waren fast von Anfang an dabei, aber auch Anne Galle und Elke Bontjer- Dobertin. Sie bilden die Brücke von den Anfangszeiten zum Heute.

Natürlich kamen hochdeutsch Schreibende oder „zweisprachige“ Autorinnen und Autoren in den neu gegründeten Ak, und was da geschrieben wurde, kann man in den ersten Anthologien und in der Sammlung „Tweespraakenland“ oder „Zweisprachenland“ nachlesen. Zum zehnjährigen Jubiläum wurden diese Hefte, die ursprünglich Zeitungsbeilagen waren, zusammengestellt. Ich habe anlässlich des heutigen Tages wieder einmal ausführlich darin geblättert und mich neben den Texten insbesondere über die Fotos gefreut!

Ostfriesland ist immer noch Zweisprachenland. Diese Zweisprachigkeit spielt bis heute eine große Rolle, sie verbindet uns und manchmal trennt sie uns. Ostfriesen sind stolz auf ihre Sprache und zeigen das auch. Das ist für „die Hochdeutschen“ nicht immer leicht zu verstehen. Dass die Zweisprachigkeit unserer Region uns mehr verbinden als trennen möge, daran arbeiten wir.

 

Ebenso wichtig ist mir heute Morgen, einen Augenblick darüber nachzudenken, was wir da tun, was unsere Aufgabe, Intention und Motivation ist, zu schreiben, miteinander an Texten zu arbeiten, gemeinsam zu veröffentlichen und über Sprache, über Literatur und das Schreiben zu reden.

Ich höre oft, das Schreiben sei ein ganz persönlicher, künstlerischer Weg, sich mit Themen auseinanderzusetzen, mit Sprache zu ringen, etwas weiterzugeben, das sonst vielleicht verloren gehen könnte. Die allermeisten von uns sagen, dass Schreiben eher Arbeit ist, weniger „Hobby“ oder Vergnügen. Das heißt aber nicht, dass Schreiben nicht auch Spaß macht!

Schreiben ist Freude an der Sprache, Lust am Erzählen!

Die Schriftstellerin Christa Wolf hat einem ihrer Werke den Satz vorangestellt: „Schreiben als Widerstand gegen den unaufhaltsamen Verlust von Dasein“. Das beschäftigt mich seit Jahren. Etwas von der Grundstimmung dieses Satzes meine ich auch im Werk von Greta Schoon zu finden. Und eine Ahnung davon spüre ich heute in Gedichten von Gerd Constapel. Es geht ja nicht nur um das Dasein der eigenen Person, sondern um das Dasein, das Sein von ganzen Lebenswelten. Mit Sicherheit ist Schreiben eine Form, da zu sein, präsent zu sein, sich mitzuteilen, vielleicht sogar über das eigene Dasein hinaus. Das finde ich ein ganz spannendes Thema!

Was ist nicht alles geschrieben worden in den letzten dreißig Jahren! Die Beiträge in der Veröffentlichung zum 10. Jahrestag der AK-Gründung haben auffallend oft sozialkritische Themen zum Inhalt. Da geht es um Schöpfung und Umwelt, um Gerechtigkeit, um Arm und Reich, um Streit in der Familie und um Erlebnisse, die mit dem zweiten Weltkrieg und mit Flucht und Vertreibung zu tun haben. Jetzt haben wir andere Zeiten, zum Teil andere Themen. Was sind eigentlich heute unsere Themen? Es lohnt sich sicher, darüber einmal nachzudenken!

Was ist nicht alles geschrieben worden! Viele sehr unterschiedliche Texte fanden und finden ihre Anfänge im Ak, oft geht es um Ereignisse, die einen regionalen Hintergrund haben, es gibt Historisches, Liebesgeschichten, Familiengeschichten, von den Beziehungen zwischen den Generationen wird geschrieben, vom Jung-Sein und Älter-Werden, von Abschied und vom Zurückkommen. Es gibt Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane. Textexperimente. In den letzten Jahren boomt in „Hoch und Platt“, wie es bei uns immer so schön heißt, der Krimi, oft der Kurzkrimi. Mehr oder weniger spannend und schlüssig. Die vielen Kommissarinnen in gelbem Ostfriesennerz, sich die Hände an dicken Teebechern wärmend, mag man oder eben nicht.
Jeder noch so kleine Ort in Ostfriesland kommt auf diese Weise zu einem Mord!

Gedichte durchziehen alle Schaffensperioden des AK. Waren es früher oft gereimte Gedichte, sind manche Texte heute eher der modernen Lyrik zuzuordnen. Die Gedichte, die im AK in den letzten dreißig Jahren zu Papier gebracht wurden, sind sehr, sehr unterschiedlich, einige davon verhalfen ihren Schreibern zu Ruhm und Ehre, z.B. in Form des Freudenthal-Preises, andere sind in den Anthologien nachzulesen, wieder andere haben sich überholt. Ich habe da auch so ein paar Schätzchen in meiner Mappe, bei denen ich froh bin, dass sie nicht gedruckt wurden!

Vor einiger Zeit bekam ich eine Gedichtsammlung geschenkt, die von dem Schauspieler Ulrich Tukur zusammengestellt wurde. Er schreibt: Für jede Befindlichkeit fand ich das richtige Gedicht: Meine Ängste, meine Unruhe, meine Sehnsüchte und Seligkeiten – da waren sie in funkelnde Worte gefasst, und ahnend begriff ich das Geheimnis des Lebens. Gedichte sind wie Leuchtfeuer in der Dunkelheit!

Heute feiern wir, dass es den AK mit all seinen Höhen und Tiefen immer noch gibt. Es gibt ihn sogar mit einem neuen Ansatz, wir sind inzwischen ein Verein geworden, werden es gerade. Eine Menge Schwung und Tatkraft haben wir immer noch und immer wieder. Immer wieder kommen auch neue Anwärter auf Mitgliedschaft zu uns, immer wieder bereichern unseren Kreis Menschen, die frischen Wind und neue Ideen mitbringen und sich im AK einbringen.

Was wird nicht alles geschrieben bei uns! Neben dem Phänomen, dass wir oft und gerne streiten und eine Menge „Alles-ganz-genau-Wisser“ in unseren Reihen haben, zu denen ich mich durchaus zähle, schreiben wir, arbeiten an unseren Texten, korrigieren, überarbeiten und schaffen so Texte, die gern gelesen werden. Dabei soll es bleiben, darin wollen wir noch viel, viel besser werden.

Heute feiern wir unser Jubiläum. Vieles ist gut gelungen in dreißig Jahren. Vom Vorlesetelefon könnte man noch erzählen, das es nach wie vor gibt und das immer noch seine Zuhörer findet, von Diesel, der Zeitschrift, die mit dem AK sozusagen verwandt ist. All` denen sollte gedankt werden, die sich in der Vorstandsarbeit, im Empfehlungsteam, für`s Vorlesetelefon oder als Sprecherinnen und Sprecher des AK eingebracht haben. Dem Plattdüütskbüro sei gedankt, das so viel für uns arbeitet und immer gut gelaunt, freundlich und fröhlich für uns mitdenkt.

Nu is’t genug, nu höör man up, Leev, nu willn de Lüü ok wat drinken un sük wat vertellen un denn gifft al boll Middageten!“, würde meine Mutter jetzt sagen. Da hätte sie dann wohl recht und so komme ich zum Ende, danke allen, die geholfen haben, dieses Zusammenkommen zu gestalten und vorzubereiten, und wünsche uns einen wunderschönen Tag! Herzlich willkommen!