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*1957 in Lotte bei Osnabrück. Sie lebt seit 2007 in Norden /Norddeich und vermietet dort Ferienwohnungen. Weil sie Sprachen liebt, hat sie  Plattdeutsch gelernt und schreibt für den Ostfriesischen Kurier unter der Rubrik „Dit un Dat“. Ihre hochdeutschen Kurzgeschichten und Gedichte wurden in Anthologien veröffentlicht. 2012 hat sie ein künstlerisch gestaltetes Heft herausgegeben. Es hat den Titel „En bedröövt Dag“ und kann unter der Telefonnummer 04931 – 81430 bestellt werden. Sie ist Gündungsmitglied des Schreibtreffs im Norder Mehrgenerationenhaus.



Textproben


Ein altes Fotoalbum erzählt

Ich hatte schon einige Zeit im Regal gestanden, als mich eine junge Frau herauszog, prüfend mit der Hand über meinen blauen Ledereinband fuhr, blätterte und nach dem Preis schaute. Sie schien mit mir zufrieden zu sein, denn sie trug mich zur Kasse und bezahlte. Dann steckte sie mich in eine braune Einkaufstasche, die aber so klein war, dass ich oben hinausschauen konnte. Die junge Frau lief mit mir noch eine ganze Zeit durch die Läden und langsam wurde es eng in der Tasche. Ein Paar Socken, Unterwäsche und eine Kaffeemühle waren dazugekommen. Die junge Frau achtete sorgfältig darauf, dass ich von weichen Stoffen umgeben war und nicht zu Schaden kam.

Im Bus nahm sie mich in ihrer Tasche auf den Schoß und wir rüttelten vorbei an mehrgeschossigen Häusern, auch an zerbombten Häusern, dann an Mietshäusern für Arbeiter bis wir schließlich in einen Ort mit freien Feldern und neu erbauten Häusern kamen. In eines dieser Häuser brachte mich meine neue Besitzerin und legte mich in ihren dunklen Wohnzimmerschrank, wo ich erst einmal einige Tage ruhte. Am Sonntag dann holte die junge Frau mich heraus und klebte ihre Hochzeitsbilder hinein.

Später folgten Fotos aus früheren Jahren, die sie geschenkt bekommen hatte. Dann kamen weitere Hochzeitsbilder von Verwandten. Es folgten Bilder von Freundinnen und Freunden, schließlich Kinderbilder. In der Woche ruhte ich immer in dem Schrank. Am Sonntag wurde ich vorsichtig herausgeholt. Meine Bilder wurden angeschaut. Der junge Mann weinte, wenn er das Foto, auf dem sein verstorbener Vater zu sehen war, anschaute. Er weinte auch, wenn er die Wellblechhütte, in der er mit seiner Familie nach dem Krieg wohnte, betrachtete.

Als die Kinder klein waren, durften sie mich nicht anfassen. Die junge Frau, die nun Mutter war, blätterte die Seiten um und die Kinder durften darauf schauen. Nun nahm ich Bilder vom Häuserbauen und von Ausflügen auf. Waren alle Fotos zunächst in edlen Grautönen gehalten, so kamen nun Farben dazu. Meine Welt wurde bunter und lockerer. Als die Kinder älter wurden, nahmen sie mich nicht nur in die Hand. Die Mutter erlaubte sogar, dass sie vorsichtig Fotos entnahmen. Sie setzte dann an den gleichen Stellen andere Bilder ein, so dass ich immer noch schön aussah. Ich bekam jetzt Bilder von Autos und Urlaubsreisen, aber auch von Beerdigungen.

Dann kam eine Zeit, in der ich immer länger im Schrank lag. Nur gelegentlich holten mich der Mann und die Frau, die nun nicht mehr so jung waren, hervor und zeigten mich Verwandten und Freunden. Manche hatten wohl wenig Achtung vor mir, denn sie zerrten Fotos aus mir heraus und beschädigten die Oberfläche meiner Blätter. Zwar versprachen sie die Fotos zurückzugeben. Aber die vielen hässlichen Lücken zeigen, dass sie ihre Versprechen oft nicht einhielten.

Schließlich schien das Interesse an mir verloren gegangen zu sein. Jahrelang lag ich nun im Schrank. Nach endlos langer Zeit wurde ich wieder hervorgeholt. Wieder packte mich eine Frau in eine Tasche. Sie kannte mich gut, denn sie war eines der Kinder gewesen, die mich angeschaut und mir später mit und ohne Zustimmung der Mutter Bilder entnommen hatten. Sie packte mich aber nicht in ihre eigene Tasche sondern in die des inzwischen alten Mannes. Sie wusste schon, warum sie es tat. Sein ganzes Leben steckte in mir.

Ich kam auf meine zweite Reise, obwohl ich doch auch schon alt und etwas gebrechlich war. Diesmal war die Tasche viel größer aber so voll, dass ich gar nicht mehr hineinpasste. Die Frau legte mich einfach obenauf. Mit der Tasche stellte sie mich auf dem Rücksitz eines Autos ab. Aus dem Fenster blickend sah ich, dass nun überall Häuser waren. Ruinen gab es nicht mehr. Das Auto sauste viel schneller als der Bus. Das Land wurde immer flacher. Schließlich sah man selten Bäume, dafür aber mehr Wasser und saftig grüne Wiesen. Der blaue Himmel schien höher zu sein als der in meiner bisherigen Heimat. Strahlend weiße Wolkenhaufen  zogen auf ihm dahin. Die Fahrt dauerte sehr lange.

Aber sie hatte sich gelohnt. Ich fand wieder Beachtung. Die nun erwachsenen Kinder und ihre Ehemänner schauten mich an. Ich bekam auch neue Bilder, sogar solche, die von einem Kind gemalt worden waren, auch weitere bunte Fotos. Aber niemand klebte diese Bilder so sorgfältig und liebevoll ein wie die damals junge Frau. Die Bilder wurden einfach in mich hineingelegt. Der alte Mann blätterte wieder in meinen Seiten und zeigte mich seinen Enkelkindern. Wenn er das Bild seines verstorbenen Vaters und die alte Wellblechhütte sah, weinte er immer noch. Aber meist freute er sich, mit meiner Hilfe aus seinem Leben erzählen zu können und dann lachte der mürrische Alte sogar.

Diese schöne Zeit dauerte aber nicht sehr lange. Wieder liege ich fast immer im Schrank. Der alte Mann ist nicht mehr da. Ich bin jetzt wieder bei einer Frau. Sie holt aber immer nur Akten  aus dem Schrank und hat ihre Fotos im Computer. Was soll denn dieser Unsinn? Da sind die Fotos doch nicht wirklich vorhanden. Wenn der Computer kaputt geht, sind sie weg. Mir vertraut niemand mehr seine Bilder an. Meine Zeit ist vorbei.

Ich habe aber gehört, dass ich inzwischen Nachfahren habe: Fotobücher, von  Menschen am Computer erstellt. Diese Fotobücher sollen so schön sein wie ich in meinen jungen Jahren. Die Menschen nehmen jetzt diese Fotobücher in die Hand und zeigen sie ihren Freunden und Kindern. Die Welt verändert sich. Aber offensichtlich brauchen  die Menschen Fotoalben wie mich - oder Fotobücher.

Wer sonst sollte ihnen auch helfen, ihre Geschichten zu erzählen?

 

 

Unerwartete Berührung

Die innerstädtische Hauptverkehrsstraße gehörte an diesem lauen Frühlingsmorgen dem  Berufsverkehr. Hier konnte man aber keine Frühlingsblumen riechen, allerhöchstens Autoabgase und Staub. Als Fahrradfahrerin war sie die einzige Verkehrsteilnehmerin, die auf dieser viel befahrenen Straße weder üble Gerüche noch Lärm von sich gab. Ein Auto nach dem anderen sauste ihr entgegen. Das brummende Geräusch der entgegenkommenden Autos schwoll beim Näherkommen an, entwickelte sich bei der Begegnung zu einem lauten Dröhnen, um dann beim Weiterfahren wieder abzuebben.

Nun hörte sie ein relativ lautes Motorengeräusch hinter sich. Da fährt wohl jemand schnell heran. Aber er wird wohl abbremsen, dachte sie. Sie war beunruhigt. Wegen des Gegenverkehrs rechnete sie jedoch nicht damit überholt zu werden. Das Geräusch hinter ihrem Rücken steigerte sich in Sekundenschnelle. Schon sah sie einen dunkelblauen Mittelklassewagen dicht neben sich. Er streifte ihre linke Hand. Sie kippte zur Seite. Der Wagen fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Der haut einfach ab, dachte sie wütend. Dann aber leuchteten die Bremslichter auf. Das Motorengeräusch nahm ab und der Wagen hielt auf dem Parkstreifen.

Die Autotür öffnete sich und ein älterer, weißhaariger Mann lief ihr entgegen. Aufgeregt rief er:„Habe ich Sie verletzt?“ „Ja, sie haben mich an der Hand getroffen,“ gab sie zur Antwort und hielt ihm ihre Hand entgegen. Über dem äußeren Knöchel hatte sie eine kleine Wunde, von der etwas hellrotes Blut tropfte. Behutsam nahm er ihre Hand in die seinen. Sie  spürte die warme Berührung. Der Mann schaute ihr in die Augen und sagte: „Das tut mir aufrichtig leid.“ Kurz darauf fragte er: „Wollen Sie Anzeige erstatten?“ Dass man das nach einem Unfall immer tun sollte, wusste sie aus Erfahrung. Später können sich Schäden zeigen, die in der Aufregung zunächst nicht bemerkt werden. Etwas hielt sie davon ab den Unfall anzuzeigen. Die Sorge und die menschliche Wärme, die der Mann gezeigt hatte, hatten sie tief berührt. Sie bewegte alle Finger ihrer Hand. Anscheinend war es nur eine kleine Verletzung der Haut. „Nein, ich denke, ich werde nicht Anzeige erstatten,“ sagte sie. Die Adresse und die Versicherungsnummer des Fahrers ließ sie sich aber lieber doch geben.

 

 

kleine Flucht

entflohen der öden Hausarbeit
der ewig gleichen Wiederholung
sitze auf einer Bank im Osthafen
Blick ins Wattenmeer
Rückenwind kühlt Ohren
fahle Sonne am grauen Himmel
wärmt Wange
Fähre zieht vorüber an weißen Möwenpunkten
auf grüner Salzwiese
Krabbenkutter kehren heim
hinter mir brummendes Motorengeräusch
Flugzeug nähert sich
fliegt hinweg zur Ferieninsel
entflohen bin ich
und doch nicht frei
unsichtbares Band zieht mich zurück
zu dem, der auf mich wartet

 

 

Dat Lied van en Totrucken

Na Oostfreesland bün ik trucken
toreist nömen mi de Lüü
ik leev geern  dicht bi de Küste
un mien Heimaad is nu hier

Seh ik ok eenmaal en Frömden
enk ik he is ja´n Minsk as ik
söcht en moje Platz för`t Leven
un sien Heimaad is nu hier

Gode Frünnen hebb ik funnen
un de Nahbers mag ik geern
ik kann mi up hör verlaten
un mien Heimaad is nu hier

Denk ik ok mal an olle Steden
waar’k neet minner glückelk weer
daar mag’k geern en Settje blieven
man mien Heimaad nu hier

Bün ik denn maal in de Feernte
koom ik weer na hier torügg
na mien moje Huus an´t Water
waar tofree ik alltied bün

Na Oostfreesland bün ik trucken
toreist nömen  mi de Lüü
ik leev geern dicht bi de Küste
un mien Heimaad is nu hier

 

 

De Brasilianiske Nacht

Kerstin harr twee Karten för en Brasilianiske Danz-Show in Auerk wunnen. Man hör leev Keerl wull disse Avend na de Theelacht un daar hebben Froolüü, as elk un een wett, gaar nix to söken. Sull se nu in`t Huus blieven un sük bedröven? Nee, se wull ok Pläsier hebben. Villicht kunn se en anner Minsk finnen, de mit hör na de Danz-Show wull. Hör Dochter wohnde in Auerk. Se kunn namiddags en Visit bi hör maken un fragen, of se Lüst harr mit to gahn.  Se harr Lüst, aver se muss en Upsatz schrieven. Hör Dochters Fründ wull Bosseln gahn. Kerstin weer diesig un doch, denn gah ik egaalweg alleen.

Vör de Sparkassen-Arena stunnen enige Minsken, de kien Karten för de Vörföhren kregen harren. Anner Minsken wullen Karten düür verkopen. Dat kunn ik ok maken, doch Kerstin. Man dat Geld weer neet so wichtig. Se wull en frünnelk Minsk utsöken.  Lesderhand muss se de hele Avend tegen hum sitten. Sull se de Kaart na de jung Froo mit dat bruun Haar verkopen? Denn sach se en slank Mann. He weer en bietje jünger as se sülvst. Sien  Gesicht weer fründelk. Ja,  hum wull se de Kaart anbeden.

Kerstin reselveerde sük, se wull neet mehr för de Kaart hebben as de Pries, de daarup stunn. Disse Pries weer al recht hoog un se harr ja de Karten neet betahlen mutt. De Mann weer blied over dat good Angebood un se kwemen gau overeen. Tosamen söchden se hör Steden un wachden, dat de Show begunn. „Interesseren Se sük för Brasilien of hebben Se Samba geern?“ froog Kerstin. „Ik weer lesd Jahr in Brasilien. Dat is en mooi Land mit frünnelk Minsken. Un Samba maag ik würrelk düchtig. Dat geiht in d` Blood.“ As de Vörhang up gung, weer Kerstin heel weg van de Farven: en Barg geel as de Sünn, en Palm in kräftig Bruun un Gröön, daarvör de Danzers in blau un rosa Kleer. Se vertellden de Histoorje van hör Land, sungen Leden van verscheden Tieden un danzden so lebennig, dat Kerstin heel blied wurr.

Indes de Show wieder gung, prootde se neet mehr mit hör Nahber. Aver in d` Paus drunken se en Glas Sekt mitnanner. He vertellde hör, dat he dree Weken in Rio de Janeiro weer. Daar harr he de Portugiesk Spraak lehrt. He weer mit de Seelbahn up de Zuckerhut fohren un harr Flamingos in de freei Wildernis sehn. Do mutten se weer na hör Steden gahn. De Show gung wieder. Nu wurr dat Programm moderner. De Danzen vertellden van dat Leven in dat Brasilien van disse Tied: van Armood un Riekdoom, van Drogenhannel un Urlaubers an de Strand. An d` Enn kweem en Danz, de dat Tosamenhollen un de Hoop för en glückelk Tokunft utdrückde. All Tohörers stunnen up un röhrden sük mit de Slag. Een kunn marken, se weren d`r heel van andoon, as se hör Hannen klappden. Na en Togaav weer Schluss un de Vörhang full to`t lesd Maal.

Kerstin geev hör Nahber de Hand. Se see: „Ik bün blied, dat ik Se truffen hebb. Dat weer en heel mooi Avend.“

 

 

Markus in Problemen

Dat harr sneeit. Up all Dacken, Bomen un ok up d` Grund lagg en dick Schicht Sneei. Ricus un Markus spöölden in de Winterwunnerwelt. Se moken en Sneeiballslacht. Se bauden en Sneeikeerl. Denn smeten se – to`n Spaß – Sneeiballen hoog. Nu schummerde dat un in de Husen gungen de Lüchten an, ok boven bi de Nahbers. Ricus see to Markus: „Wedden, dat du de Sneeiball neet na boven in dat open Fenster smieten kannst!“ Markus doch, he hett Recht, dat schaff ik neet. Man he griende  un mit fast Stimm see he: „Klaar, dat kann ik wall!“ He drückde Sneei för en Ball tosamen, küürde dat Dackfenster, swung sien Arm mit Kracht - un - truff!

Sekunnen later leet de Nahber sien Kopp an´t Fenster sehn. He schellde: „Wat fallt yo in, hier so en Swieneree to maken?“ Ricus un Markus verfehrden sük un rennden, so fell as se kunnen, na Huus. Bedrüppelt vertellde Markus sien Moder, wat passeert weer. „Du muttst hengahn un seggen, dat di dat leed deit!“, see se eernst. „Gah glieks na de Nahber hen, segg dat.“  Markus sleeg los. He gung langsaam, man na en Settje kweem he doch an de Nahber sien Döör. Nüsselig drückde he up de Klingelknoop un kört Tied later hörde he de Summer. He mook de Döör open un gung de Trapp hoog. De Nahber stunn in d` Döör. Markus gluupde up d` Grund. Liesam see he: „Dat deit mi leed, dat ik de Sneeiball in yo Fenster smeten hebb.“

De Nahber weer neet tofree: „Deit mi leed seggen is good, man dat is neet genoog. De hele Baadkamer is natt. Wenn du dat weer good maken willst, muttst du upwisken.“ „Ja“ antworde Markus, noch immer mit lies Stimm. De Nahber broch hum en Emmer un en Feudel. Markus wiskde. He weer noch neet klaar, as de Nahber meende: „Dat langt.“ Nu weer he wat liedsam, denn he froog frünnelk: „Dat hest du doch seker neet extra daan?“ Markus kweem in de Bredullje. He harr just wat Slimm maakt. Legen dürs een ok neet, doch he. Denn besunn he sük, wo he sük up dat Dackfenster konzentreert harr, wo he denn mit all sien Kracht de Arm swungen un de Ball na dat Fenster smeten harr. He nohm sien Mood tosamen un see: „Doch, dat hebb ik extra daan.“

De Nahber bleev de Mund open stahn. Markus dreihde sük um un rennde ut dat Huus.