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21.09.1943-20.07.2016
In Leer geboren und aufgewachsen konnte sie nach jahrzehntelanger unfreiwilliger Odyssee durch Deutschland 1986 wieder an die Nordsee zurückkehren und trieb seitdem hier ihr literarisches Unwesen. So gewann sie den ersten Poetry Slam, der je in Esens stattgefunden hat, und begeisterte mit ihren Lesungen zahlreiche Zuhörer. Ihre frechen Texte sorgten für Lachmuskelzerrungen und regten gleichzeitig zum Nachdenken an. Sie verstarb nach kurzer schwerer Krankheit in Oldenburg.

Der lokale Liebhaber des geschriebenen Wortes kannte sie durch zahlreiche Veröffentlichungen in der Literaturecke des Harlinger Anzeigers. Weiterhin veröffentlichte sie ihre Lyrik in Anthologien. Seit Anfang 2009 leitete sie das Literaturcafe in der Bücherei Esens.
Ihr erstes eigenes Buch erschien im November 2010: Nachbarschuft und Strandameisen mit Geschichten und Gedichten aus Ostfriesland, die zweite, erweiterte Auflage mit noch mehr Geschichten und Gedichten erschien 2012. Darin fand sie Antworten auf Fragen, die man von alleine niemals gestellt hätte, verdichtete sie in heitere Geschichten, packte die ein oder andere Boshaftigkeit hinein. Weil sie, wie man so schön sagt, „dem Volk aufs Maul schauen“ konnte. Liebevoll und mit Humor.

Buchveröffentlichung

„Nachbarschuft und Strandameisen“ – Geschichten und Gedichte aus Ostfriesland, Druckwerstatt Kollektiv Verlag, 2., erweiterte Auflage, Darmstadt 2012, ISBN: 978-3-9814063-2-0

Veröffentlichungen in Anthologien

„Wie eine Feder will ich sein“,  Jokers Lyrik-Preis 2006, Augsburg 2006
„Ihlowsionen“, Geschichten und Gedichte aus der Klosterstätte "Stille Räume Ihlow", SKN-Verlag, Norden 2012
„lESENSwert“, Geschichten um die Bücherei Esens, Förderkreis Freunde der Bücherei (Hg.), Esens 2012


TEXTPROBEN

Willi
(Wenn Winterwünsche wahr werden)

Willi, wolln wir weg?
Warum?
Wegen Wetter.
Wohin?
Waikiki.
Wirklich weit weg ...
Wohlig warm, Willi!
Wie warm?
Waschschüsselwarm!
Wunderbar!
Wann wolln wir, Willi?
Wie wär’s Weihnachten?
Wow!

Krebse

Ein Krebs, der in der Hafenbar   
ein Paar den Tango tanzen sah,
der staunte: Wie ist´s möglich?

Der Tanz beschäftigte ihn sehr.
Er aß schlecht. Und er schlief nicht mehr.
Stattdessen übt´ er täglich.

Sehr lang betrieb er seinen Sport
an einem höchst geheimen Ort.
Doch dann wollt´ er sich brüsten.

Er lud die Krebsgemeinde ein
und tanzte Tango, ganz allein.
Er erntete Entrüsten.

Ne Krebsin rief: „So ohne Frau´n
ist Tango dürftig anzuschaun!
Los Alter, mach mir Beine!“

Das ging ihm völlig geg´n den Strich.
Er war entsetzt und fühlte sich,
als hing er an der Leine.


Meerschweinchen

Ein Meerschweinchen fragt seine Frau
vorm Mittagsschlaf in ihrem Bau:
„Wer gab uns unseren Namen?
Ich lieb das Wasser gar nicht sehr.
Auch Mutter war noch nie am Meer.
Weißt du, woher wir kamen?“

Sein Weib sinniert: “Es könnte sein,
denn schließlich gibt es das MEERSCHWEIN,
dass wir mal Wale waren!
Und dass ein wasserscheuer Schwarm
dem nassen Element entkam,
um sich an Land zu paaren.
Ob jeder Schweinswal Nager wurd?
Und wann´s , und ob´s schon seit Geburt
den Schweinswal, der das Wasser liebt,
im Weltenmeer noch immer gibt?
Vielleicht steht´s unter Evolution
in meinem schlauen Lexikon. ...

Und nun, mein Kuscheltier, gib Ruh.
Mach endlich deine Augen zu.
Hör auf, den Mittagsschlaf zu stör´n.
Buch morgen einen Segeltörn,
dann kannst du mit den Fragen
die Walverwandtschaft plagen.“


Leben auf dem Lande

Ich hatte mir meinen Traum vom Leben auf dem Lande endlich erfüllt, war gerade umgezogen, sortierte oben im Haus Kartons, als ich vor meiner Tür Stimmen und an der Hauswand gewaltige Hammerschläge hörte. „Die spinnen ja wohl, soll dass ein Abriss werden“, dachte ich, rannte erschrocken und erbost die Treppe hinunter, riss die Tür auf und  sah vor mir zwei lange Beine auf einer Leiter. Ich wollte gerade anfangen zu schimpfen, als eine freundliche Stimme von oben herab sagte: “Mak de Dör man weer dicht. Wenn wi singen, kannst kamen“.

Ich war so verblüfft, dass ich die Tür tatsächlich wieder schloss und wartete. Was da draußen vor sich ging, war mir schleierhaft. Die Menschen vor meiner Haustür hämmerten weiter. Ab und zu schnappte ich mal einen Satz auf: „So geiht dat nich, dat is scheef“, dann jammerte eine Frauenstimme: „Jasses, is dat kolt.“ Nach einer ganzen Zeit begannen sie zu singen: „Horch was kommt von draußen rein, werden wohl die Nachbarn sein“. Ich öffnete wie befohlen die Tür und sah in erwartungsvolle, verschmitzt lächelnde Gesichter. Ich trat ein paar Schritte nach draußen, und dann sah ich es: an meiner Tür hing eine Girlande aus Tannengrün, geschmückt mit weißen und roten Papierblumen und in der Mitte hing ein Willkommen-Schild. Ich war gerührt. So etwas hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, ich fühlte mich, ja, auserwählt!

Ich gab jedem die Hand, dankte für den Kranz und bewunderte ihn, immer und immer wieder. Langsam wurde mir draußen kalt, aber ich hatte den Eindruck, dass noch irgendetwas von mir erwartet wurde, die Leute gingen nicht! „Ob die ins Haus wollen“, dachte ich. Das war mir nicht sehr recht, noch nicht. Irgendwann würde ich ihnen mein gemütliches, gediegenes Zuhause vorführen, aber jetzt? Na, fragen musste ich ja wohl. Ja, eben aufwärmen wollten sie sich gern, nur ganz kurz. Außer einer Flasche Uozo hätte ich nichts Wärmendes im Haus, erklärte ich. Nee, den brauchten sie nicht, zum Bogenmachen nehme man immer ne Flasche Schluck und ein paar Flaschen Bier mit, und ein paar Gläser auch.

Etwas verlegen führte ich sie ins Wohnzimmer. Als alle einen Platz gefunden hatten, auf den drei Sesseln, auf Bücherkartons und auf dem Fußboden, wurde ich mit:„Prost! Auf eine gute Nachbarschaft!“ begrüßt. Wir stießen mit den Bierflaschen an, die Gläser Korn machten die Runde und dann wurde ich ausgefragt. Als sie erfuhren, dass ich gebürtige Ostfriesin sei, bekam ich sofort Pluspunkte. „Dann könt wi ja Platt snacken. Up Platt drüffst du n Bült mehr seggen als up hochdütsch, dat nimmt di nüms licht krumm“. Ich versprach, meinen plattdeutschen Wortschatz zu erweitern, wollte aber im Augenblick lieber hochdeutsch angesprochen werden.

Mein unmittelbarer Nachbar stellte sich vor: „Hast Glück gehabt, dass du das Haus gekriegt hast“, meinte er. „Ja, das finde ich auch“, antwortete ich, „der Preis war angemessen, die Bausubstanz gut, der Garten hat auch die richtige Größe.“  „Ja, das auch. Aber das meine ich nicht. Wir wohnen nun ja direkt nebeneinander, da habe ich meinen Einfluss geltend gemacht“.  Ich sah ihn fragend an. „Na ja, jeden willst ja nicht neben dir wohnen haben, das muss schon passen“. Die Frau an seiner Seite stieß ihn an. „Nee, lass man Kathrin, kann sie ruhig wissen. Als das Haus zum Verkauf stand, hat sich zuerst meine Schwester mit Mann darum bemüht. Mit der bin ich aber schon seit drei Jahren überkreuz. Wenn die hier eingezogen wäre, hätte ich Stacheldraht zwischen die Häuser gespannt. Ich hab den Hausbesitzer angerufen und ihn gefragt, ob er Wert darauf legt, sein Geld auch tatsächlich zu kriegen. Ich hab ne kleine Andeutung gemacht, da war das Thema durch!“ Ich schaute ihn entgeistert an. Nachbarschuft, dachte ich, aber grinsen mußte ich doch. „Ein paar Wochen später stand hier ne Familie mit vier Kindern. Muss ich nicht haben. Ich hab meinen Schäferhund mal kurz rausgelassen. Beißen tut er nicht, aber tüchtig bellen kann er! Das war’s dann.“ Mein Gott, ist der rabiat, dachte ich. Aber mein neuer Nachbar redete schon weiter. „Dann war da noch ein Ehepaar, etepetete, sag ich nur, die stolzierten ums Haus. Ich hab die Kreissäge angeschmissen und die Stereoanlage ordentlich aufgedreht. Die waren auch schnell wieder weg.“ Er holte kurz Luft. „Als du dir das Haus angeguckt hast, hab ich dich ein bisschen beobachtet und gedacht, die ist richtig! Dann woll‘n wir mal hoffen, dass ich Recht behalte. Prost!“

„Jan, du bist immer ein bisschen drastisch, aber Recht hast du, Nachbarschaft muss passen.“ Die Nachbarin von rechts stellte sich als Gesine vor. „Ich kann dir da auch son Ding erzählen. Meine frühere Nachbarin hat mich total genervt, weil sie sich immer was auslieh und nie wiederbrachte. Aber am Schlimmsten fand ich, wie sie ihre Wäsche aufhängte, was heißt aufhängen, über die Leine geschmissen, kann man sagen. Irgendwann ist sie mal morgens zur Arbeit gefahren, da hab ich ihre Wäsche ordentlich mit meinen Klammern aufgehängt, damit sie mal sieht, wie sich das gehört. Ich hab’s wirklich gut gemeint. Aber ab da redete sie nicht mehr mit mir. Und die Wäscheklammern hab ich auch nicht wieder gekriegt!“

Ich war froh, keinen Kommentar geben zu müssen, denn die nächste Story erwartete mich. „Ich glaub, es ist nicht verkehrt, wenn du von Anfang an einen Einblick in unsere Nachbarschaft kriegst. So quasi als Vorwarnung. Janssens sind ja heute nicht da. Ich soll schön grüßen, sie kommen nächste Woche ma. Jetzt haben sie Lehrerkonferenz. Also Janssen, beide Lehrer, Doppelverdiener, immer gestresst, haben einen großen Garten. Wie es da drin aussieht, geht mich ja nix an, ich glaub, die züchten Giersch und Löwenzahn. Es juckt mich immer in den Fingern, wenn ich mit meiner Giftspritze durch meinen Garten gehe, aber na ja. Was ich sagen will ist Folgendes: wir alle haben ja vor unseren Zäunen das Stück Gemeinderasen. Das muss doch einheitlich aussehen! Findest du nicht? Und das tut es nicht, weil Janssen alle Vierteljahr mal mähen und nicht, wie wir, jede Woche. Ich hab neulich sein Stück mitgemäht, ist ja keine Arbeit. Was war der Dank? Er war stinkebeleidigt. Mittlerweile hat er sich wieder eingekriegt. Na ja, ich wollte Dir nur mal demonstrieren, wie leicht man hier Ärger  kriegen kann.“

Es war spät geworden, die Flasche Schluck war leer, mein Uozo war leer, die Nachbarn gingen. Zurück blieb Kathrin, die mich darauf hinwies, dass man für die Mühe des Bogenmachens recht bald mit einer Einladung zu einem warmen Abendessen rechne. „Ich sag dir das nur“, sagte sie, „damit du nicht gleich ins Gerede kommst.“