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* 1942 in Danzig, lebt seit 1966 in Friedeburg/Ostfriesland,
Buchhändlerin, schreibt hochdeutsche Prosa und Lyrik.
Gehört zum Juroren-Team für die Literaturecke im „Anzeiger für Harlingerland“.
Mehrere Beiträge in Büchern der Reihe „Zeitgut“, (Zeitgut Verlag, Berlin), Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien, so auch in denen des „Arbeitskreises ostfriesischer Autoren“.  Mit-Autorin von „Winterwind“, Geschichten vom Altwerden und Altsein (Athena Verlag, Oberhausen 2007).

Textprobe:

Vom Schreiben

Die Menschheit erzählt, seit es sie gibt. Sie erzählt Geschichten. Geschichten verbinden. Menschen rücken zusammen um aufeinander zu hören. Stets war da der Wunsch, Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken festzuhalten, zu bewahren und weiterzugeben durch geschriebenes Wort.
Menschen schreiben ihre Geschichten auf.
Zum Schreiben braucht es nicht mehr als ein Blatt Papier, einen Stift, einen wachen Blick für alltägliches Geschehen und etwas Phantasie. Unerlässlich gehört noch Ruhe dazu. Eine Möglichkeit zum Rückzug.
Ich habe ein Zimmer. Ein Zimmer ganz für mich allein. Dafür bin ich dankbar. Hier schreibe ich. Briefe, Geschichten, Gedichte, Tagebücher.
Der Mittelpunkt meines Zimmers ist der Schreibtisch. Er steht vor großen Fenstern. Immer wieder wandert mein Blick beim Arbeiten hinaus in den Garten. Ich nehme wahr, wie Bäume, Büsche und Blumen ihr jahreszeitliches Kleid verändern, vom zarten Grün des Frühlings bis zur filigranen Silhouette der kahlen Zweige im Winter. Über allem ein weiter Himmel, grau, blau bis zartrosa seine Farbpalette. Ein ruhiges Bild, das hilft, Gedanken zu ordnen, bevor ich sie auf das Papier bringe.
Die hohen Wände sind von Regalen bedeckt. Rücken an Rücken stehen dort Bücher in bunter Reihe. Alte Bücher von den Großeltern mit Goldschnitt und Kupferstichen neben Atlanten, Kunstbänden und vielen Taschenbüchern. Es gibt eine Leiter für die Fächer ganz oben, beliebt bei den Enkeln zum Klettern. Sie lieben vor allem die Geheimnisse der alten Bücher und die Fotoalben, die aus der Familiengeschichte erzählen.
In einem Rollschrank bewahre ich Briefe auf. Hunderte sind es, sortiert in Schuhkartons. Verregnete Sonntage sind bestens geeignet für Reisen in die Vergangenheit. Zum Teil sind diese Briefe Zeit-Dokumente, wie die von Freunden aus der damaligen DDR. Sie berichten von den Schwierigkeiten des Alltags dort drüben, von Ängsten, Wünschen, Hoffnungen.
Große Poster schmücken die weißen Wände, sowie Fotos von Menschen, die mir lieb sind. Einige sind nur noch Erinnerung.
Vor mir auf dem Schreibtisch steht etwas sehr Wichtiges. Mein Sammelsurium. Das ist eine Schachtel mit bunten Zetteln darin. Darauf stehen gekritzelte Stichworte, Sätze, kurze Aufzeichnungen. Auch herausgerissene Zeitungsartikel und Annoncen sind dabei. Ideen für Geschichten kommen manchmal zur Unzeit. Nachts, wenn der Schlaf sich davonstiehlt.
Oder tagsüber, wenn Dringendes erledigt werden muss. Auch beim Autofahren oder an der Kasse des Supermarktes. Die Idee wird festgehalten und ins Kästchen verbannt, bis die Zeit zum Schreiben gegeben ist. Zeit für mein Zimmer. Zeit für mich.